27. März, 2018 - Annegret Ruoff
Was schenkt man sich, um hundert Jahre Unabhängigkeit zu feiern? Finnland meint: Ein Nationalpark wäre ganz nett. Gleicher Meinung ist auch Familie Kuusinen, die ihre Sommerferien in den Wäldern von Hossa verbracht hat.
Mit dem Kanu durch die abgelegene Wildnis

Johka sitzt auf seinem Lieblingsplatz: mitten im Boot. Der braun-beige Finnische Lapphund streckt seine Nase in die Luft und schnuppert. Wittert er ein Rentier in der Nähe des Somer-Flusses, stellt er seine spitzen Ohren auf und winselt. Ruhig und sanft fliesst das Wasser hier im westlichsten Teil des finnischen Nationalparks Hossa, wo die Kuusinens dieses Jahr einige Tage ihrer Sommerferien verbringen. Den 40. Nationalpark des Landes hat sich Finnland zu seinem 100. Geburtstag geschenkt.

Erst gestern ist die fünfköpfige Familie aus der Nähe von Helsinki angereist, das Auto vollgepackt mit Zelten, Schlafsäcken, Isomatten und Schwimmwesten, im Anhänger zwei Kanus. Im frisch umgebauten Infocenter des Parks angekommen, galt es zunächst, die vielfältigen Möglichkeiten zu studieren, die der grosszügige Nationalpark in unmittelbarer Nähe der russischen Grenze bietet. Familie Kuusinen entschloss sich, die erste Kanutour in Julma-Ölkky im Norden von Hossa zu starten. Dort verstauten Martti, Laura und die drei Kinder alles Gepäck wasserdicht in den Kanus, daraufhin wurden die beiden Boote gewassert. Das Auto konnten die Kuusinens unbesorgt auf dem Parkplatz am Ufer stehen lassen. Später würde es ein Ranger des Parks abholen und wie abgemacht ans Ziel der Kanureise fahren.

Von Wald-Yoga zu Hundeschlittentouren

Laura Kuusinen ist nicht zum ersten Mal in Hossa. «Ich kannte die Umgebung hier bereits aus der Jugendzeit», sagt die studierte Forstingenieurin, die heute als Ausbildnerin von Wildnis- und Naturführern tätig ist. Als 20-Jährige war sie bereits einige Male mit den Pfadfindern in Hossa, das seit 1979 als Wanderpark etabliert war. «Die Gegend hier ist sehr beliebt für Lager aller Arten», sagt sie. «Vor allem deshalb, weil die Landschaft so abwechslungsreich ist und Möglichkeiten bietet für viele Freizeitbeschäftigungen.» Im Vergleich zu den vielen anderen Nationalparks des Landes, die Laura Kuusinen aus eigener Erfahrung kennt, habe Hossa vor allem drei grosse Pluspunkte. «Es ist unglaublich still hier», schwärmt sie. Zudem sei die Luft beeindruckend frisch und sauber. «Und das Wasser ist aufgrund der gletschergeprägten Geologie hier so klar wie in einem Schweizer Bergbach.» Das sei in Finnland, wo die Binnengewässer aufgrund des hohen Eisengehalts oft dunkelbraun und dadurch trüb wirkten, etwas Besonderes.

Vom klaren Wasser und dem heilsamen Kiefernduft der jahrhundertealten Wälder schwärmen auch die Touristen aus dem Ausland, die Hossa seit diesem Jahr zahlreich besuchen. Am 17. Juni wurde der neue Nationalpark feierlich eingeweiht. Auf die grosse Eröffnung in Anwesenheit des Präsidenten hin wurde der Park vergrössert und grundlegend modernisiert. Heute verfügt er über ein umfangreiches Netz an gut ausgeschilderten Spazier- und Wanderwegen sowie Biking Trails. Ebenfalls locken abwechslungsreiche Kanurouten mit Anschluss an grosse, weiterführende Gewässer die Besucher an. Neu gebaut wurde zudem die attraktive Hängebrücke über den Schluchtensee Julma-Ölkky.

Übernachtungsmöglichkeiten bietet der Park für jedes Budget, von einfachen Unterständen, den so genannten «Laavut», über Hütten, Zelt- und Campingplätzen bis hin zu luxuriös ausgestatteten Hotels. Im Sommer kann man an geführten Touren und speziellen Kursen, darunter zum Beispiel Wald-Yoga, teilnehmen. Ebenfalls gibt es Einführungen in verschiedene Sportarten wie Angeln oder Rudern und ein grosses Angebot an Mietartikeln wie Kanus, Kajaks und Stand-Up-Paddeling-Boards. Den Winter durch werden begleitete Langlauf-, Schneeschuh- und Hundeschlittentouren durchgeführt.

Jahrtausende alte Felsmalereien

Nach der Ruderfahrt durch den Somerfluss und die Übernachtung in der Laavu mit Namen «Iso Somero» steht bei den Kuusinens heute ein Ausflug zu den Felsmalereien auf dem Programm. Sie sind zwischen 3500 und 4500 Jahre alt und gehören zu den bedeutendsten prähistorischen Funden in ganz Finnland. Entdeckt wurden sie 1972 von zwei Langläufern, die über den gefrorenen Somersee fuhren. Auf der ins Wasser abfallenden Felswand sind über 60 Figuren zu sehen, mit rotem Ocker und Blut auf den Stein gemalt. Ein tanzender Schamane mit zwei Geweihen auf dem Kopf, Menschen mit Masken aus Birkenrinde, Elche, Bären und Vögel sind zu erkennen. Glaubt man der Forschung, sollten die magischen Zeichnungen dereinst das Jagdglück beschwören.

Für die Besichtigung der Felsmalereien muss Familie Kuusinen ihre Kanus am Ufer festmachen und auf eine eigens auf dem Wasser errichtete Plattform steigen. «Ich finde es etwas schade, dass man die Werke nur aus dieser Distanz betrachten kann», sagt Laura Kuusinen, «So lassen sich viele Details nicht so genau erkennen.» Beeindruckt ist sie trotzdem. «Diese gemalten Rentierherden könnte ich stundenlang betrachten», sagt sie. «Sie strahlen eine grosse Kraft aus.»

Nach der Besichtigung haben die Kuusinens eine kurze Rudertour vor sich, dann müssen sie die Kanus einige Meter weit über Land tragen, bevor es im nächsten Gewässer weitergeht. Doch auch hier hat man an die Besucher gedacht. Spezielle Bootsrampen erleichtern den Übergang vom einen in den nächsten See. «Ich bin es zwar gewohnt, die Boote durch alle möglichen Landschaften zu tragen», lacht Laura Kuusinen. «Einen solchen Service nehme ich aber, gerade wenn wir als Familie unterwegs sind, sehr gerne entgegen». Während der Somerfluss eher schmal war wie ein Kanal, öffnet sich hier im grösseren See Puukkojärvi die Landschaft. Die Vegetation ist anders geworden. Still umrudert die Familie bewaldete Inseln, auf der Suche nach einem Rastplatz. Gegen Abend, just als der Regen einsetzt, taucht die schlicht eingerichtete «Autiotupa» auf. Für eine letzte Nacht in der Wildnis rollt die Familie ihre Schlafsäcke aus, und bald prasselt ein wärmendes Feuer in der Hütte. Bevor sie schlafen geht, dreht Laura Kuusinen eine Runde ums Haus. «Immerhin: Bei dieser Witterung haben die Mücken Reissaus genommen», schmunzelt sie. Auch Hund Johka fühlt sich sichtlich wohl. Munter wedelt er mit dem Schwanz. Vermutlich hat er grad eine neue Fährte entdeckt.