1. Juni, 2018 - Robin Hübscher
Bei Metal-Bands ist es ähnlich wie bei Seen - in kaum einem anderen Land gibt es so viele davon wie in Finnland. Diese Fülle von Metal-Bands wurde sogar von Barack Obama herausgehoben, was weltweit Aufmerksamkeit erzeugte.
Wo Metal zum Mainstream gehört

Warum gibt es jedoch gerade in Finnland so viele Metal-Bands? Eine eindeutige Antwort darauf ist schwer zu geben. Die Spekulationen reichen von den langen harten Wintern über den Einfluss einzelner Bands bis hin zur Finnischen Mythologie, welche als reichhaltiger Fundus für Songtexte dient. Warum auch immer: Das harte Musikgenre mit verzerrten Gitarren, schnellen Rhythmen und rauen Stimmen erfreut sich in Finnland an grosser Beliebtheit.

Während auf Schweizer Radiosendern nur zu später Stunden ab und zu etwas härtere Musik zu hören ist, wird man beim in Finnland auch schon am Morgen von harten Gitarrenriffs überrascht. Sogar die Kirchen schrecken vor dem Musikgenre nicht zurück, welches sonst doch eher mit dem Teufel in Verbindung gebracht wird. In sogenannten «Metallimessu» werden traditionelle Kirchenlieder zu Metal-Songs umgeschrieben und während dem Gottesdienst live gespielt. Auch wenn dieses Phänomen sowohl in der Kirche wie auch in der Metal-Szene auf gewisse Kritik stösst, zeigt es doch, dass Metal in Finnland im Mainstream angekommen ist.

Cellos statt E-Gitarren

«Finnisch» wird von vielen Bands zwar wie ein Gütesiegel verwendet, aber die Musik der Finnen unterscheidet sich doch teils erheblich. Zu den bekanntesten Metal-Bands zählen wohl «Nightwish», mit ihrem symphonischen Metal, und «HIM», mit einem Stil, den die Band selbst als Love Metal bezeichnete. Weltweite Beachtung fand auch die Band Lordi, als sie 2006 mit ihrem Song «Hardrock Halleluja» den Eurovision Song Contest gewann. Zu den erfolgreichsten Bands Finnlands gehört zudem die weniger bekannte Death-Metal-Band Children of Bodom, welche sich durch virtuose Gitarrenriffs und den Einsatz eines Keyboards auszeichnet.

Eine weitere finnische Metal-Band, die nicht unerwähnt bleiben darf, ist «Apocalyptica». Die Band wurde von vier Cellisten gegründet, als diese an der Universität Sibelius-Akatemia in Helsinki klassische Musik studierten. Sie ersetzten die sonst unverzichtbaren, verzerrten E-Gitarren durch Cellos und kreierten so einen Stil, den man sofort wiedererkennt. Ursprünglich spielten sie ihre Songs ausschliesslich mit Cellos, mittlerweile setzen sie aber auch Schlagzeug, Keyboard und Gesang ein.

Über Schlachten und Heldentum

Wer sich jedoch eine finnische Metal-Band vorstellt, denkt wohl am ehesten an eine Band, die zum Subgenre Folk Metal gezählt wird. Einige bekannte finnische Vertreter dieser Spielart sind: «Amorphis», «Ensiferum», «Finntroll», «Korpiklaani» und «Turisas». Diese Bands zeichnen sich durch den Einsatz folkloristischer Instrumente aus, wie zum Beispiel Geige, Akkordeon, Flöte, die finnische Kantele oder traditionelle Trommeln. Während Konzerten tragen die Musiker teilweise an traditionelle Kleidung angelehnte Kostüme. Die mehrheitlich männlichen Vertreter verzichten auch gerne mal gleich ganz auf die Bedeckung des Oberkörpers. Die häufig langen Haare werden auf der Bühne zum Takt geschüttelt oder im Kreis geschwungen.

Liedtexte dieser Folk-Metal-Bands beruhen oft auf der finnischen Mythologie. Die Texte werden mal auf «Rallienglati» und mal auf Finnisch gesungen, wobei vielfach der für Metal typische Gutteralgesang zum Einsatz kommt, welcher zur harten Musik und zum oft relativ brutalen Inhalt der Texte passt. Folk-Metal-Bands sind in ganz Skandinavien verbreitet, aber auch in vielen anderen Ländern wie Deutschland, Irland oder der Schweiz anzutreffen. Die Texte gründen jeweils auf der entsprechenden Mythologie der Herkunft dieser Bands.

In Finnland wird gerne der Nationalepos Kalevala als Inspirationsquelle genutzt, weswegen dieser einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die finnische Metal-Szene hat. Neben Mythen und Sagen aus der Kalevala sind Schlachten und Heldentum beliebte Themen. Die Band Turisas hat zum Beispiel ein ganzes Album mit dem Namen «Battle Metal» («Schlacht-Metal») eingespielt. Etwas siegessicherer gibt sich die Band Ensiferum mit ihrem Album «Victory Songs» («Siegeslieder»). Beim Hören solcher Musik können schon mal ähnliche Gefühle geweckt werden, wie beim Schauen eines «Herr der Ringe»-Filmes. Wer durch die Musik alleine noch nicht genug in Heldenstimmung kommt, kann sich die fehlende Inspiration beim Artwork der Alben (ehemals auf der CD- oder Plattenhülle zu finden, heute eher in diversen Apps) suchen oder einen auf Heroik stilisierten Videoclip anschauen.

Parallelen zu Neonazis

Durch das Zusammentreffen von folkloristischen Instrumenten und dem Besingen von Mythen und Schlachten entsteht so ein romantisiertes Bild der Vergangenheit. Diese Elemente tragen auch zu einer identitätsstiftenden Wirkung dieser Musik bei, welche Zugehörigkeitsgefühle wecken kann, sei es zur Metal-Community oder zu, in diesem Fall, Finnland. Zugehörigkeit beinhaltet in der Regel auch ein Abgrenzen gegenüber anderen und anderem. Dies kann problematisch sein, wie es das Beispiel der Bürgerwehr ähnlichen Gruppierung Soldiers of Odin zeigt.

«Soldiers of Odin» wurde in Finnland als Reaktion auf die Flüchtlingskrise 2015 von einem selbsterklärten Neonazi gegründet. Der Name nimmt Bezug auf die nordische Mythologie und erinnert an die Terminologie in der Metal-Szene. Auch die, für die «Soldiers of Odin» typischen, schwarzen Kapuzenpullover, mit einem Umriss eines Wikingers, könnten ebenso gut Fanpullover einer Metal-Band sein. Diese Gefahr von Überschneidungen der Metal-Szene mit rechts aussen Positionen und Gruppierungen besteht jedoch nicht nur in Finnland, sondern ist weitverbreitet. Während diese Problematik in der Metal-Szene lange ignoriert wurde, entwickelt sich nun ein zögerlicher Diskurs dazu.

Es ist jedoch so, dass sich die aller meisten Metal-Bands als unpolitisch verstehen und darauf bedacht sind, politische Ansichten nicht mit ihrer Musik zu vermischen. Dies steht zwar einem Diskurs im Weg, macht jedoch den Weg frei, sich auf die Musik zu konzentrieren und die besungenen Mythen für das zu nehmen was sie sind – nämlich ein Teil der finnischen Geschichte und des Alltags.

Feucht fröhlich

Es darf aber auch nicht alles für bare Münze genommen werden, was die Metal-Szene so hervorbringt. Bei vielen Bands sind humoristische Elemente zu finden, auch wenn sich diese teilweise hinter einer düsteren Fassade verstecken. An Konzerten geht es oft auch darum, einfach Spass zu haben, was nicht selten durch den Konsum von Alkohol gefördert wird. So spielt Alkohol auch bei finnischen Metal-Bands eine nicht unwesentliche Rolle, sei es während den Konzerten oder als Inhalt von Texten.

Die Band Korpiklaani hat gleich mehrere Songs in denen sie Bier, Vodka, Tequila und Co. besingt. Ein gutes Beispiel ist ihr Lied «Viinamäen Mies». Der Refrain geht folgendermassen:

«Hei! Hei! Hei!

Olen viinamäen mies

Koko ranta raikaa ja kainalot on hies

Hei! Hei! Hei!

Ja hieskoivun taikaa

Kun kuumassa vihtoo joka ainoo mies»

Ob solche Lieder den Alkohol-Präventionsmassnahmen der Regierung nicht etwas zuwiderlaufen, sei mal dahingestellt. Durst kriegt man bei dieser Musik alleweil.